Seminar ist Eiertanz

Anabel Schroeder

Ich begegne in meine Seminaren ja vielen unterschiedlichen Typen.

Ich kenne Teilnehmer des Typs „Ich glaub dir nicht“, die erst mitmachen, wenn sie von der Kompetenz des Seminarleiters überzeugt sind. Die bohren nach, hinterfragen Modelle und stellen teilweise irrelevante Fragen, nur um zu sehen, wie schlau oder unschlau dieser antwortet. Da hilft es dann meist, mit Zitate und Theorien, Professorennamen und wissenschaftlichen Beweisen um sich zu werfen. Wenn sie merken, dass da Kompetenz und Erfahrung dahinter steht, werden die recht handzahm.

Dann gibt es noch den Typ „Ich will motzen“, der von seiner Firma frustriert ist und jedes Forum nutzt, um sich über die Strategie, die Veränderungen in der Firma oder den Vorstand zu beschweren. Den nehme Sie am besten ernst, hören zu und fragen nach, um zu signalisieren, dass Sie sich für seine Belange interessieren – und natürlich auch um zu wissen, wo der Schuh drückt. Wenn die Nörgelei endlos wird, dann ist es an der Zeit, sich durchzusetzen und zu erklären, dass das Seminar dazu da ist, etwas Neues zu lernen – und nicht im alten Brei zu rühren.

Toll sind auch die Teilnehmer des Typs „Ich hab was zu sagen“, die das Wort an sich reißen, Stories aus der Vergangenheit erzählen und ganz generell versuchen, sich in den Vordergrund zu stellen und mehr zu sagen als alle anderen zusammen. Da hilft manchmal allein die höfliche Bitte, den anderen Teilnehmern auch die Chance zu geben, etwas zu sagen – oder die Teilnehmer in Kleingruppen arbeiten zu lassen, damit er nur seine eigene Gruppe sprengt. Oder aber es werden gemeinsame Gesprächsregeln aufgestellt. Und an die hat sich jeder zu halten.

Jetzt hatte ich aber einen Teilnehmer des Typs „Profilier-Motz-Skepsis-Ich-mach-Dir-das-Leben-schwer“-Manager im Seminar! Die sind besonders schwer zu knacken – und dieser hier hatte mich auf dem Kieker. Also nicht mich persönlich. Aber da er ganz generell frustriert war, hat er das halt bei mir rausgelassen – und dadurch mein Seminar fast gesprengt.

Wie ich das gelöst habe?

Ich nahm ihn in der Pause beiseite und – nein, ich habe nicht sein Verhalten kritisiert – ihn ganz mitfühlend über seinen Autounfall, den er vor einigen Monaten hatte, angesprochen. Er erzählte mir alle Details in epischer Breite und war froh, einen so tollen Zuhörer gefunden zu haben. So rutschte ich auf seiner Sympathieskala ein paar Punkte höher.

„Können Sie mit Ihrer langjährigen Erfahrung nicht den jungen Führungskräften im Seminar unter die Arme greifen?“, fragte ich ihn dann noch. Dadurch fühlte er sich nicht nur als Mensch ernst genommen, sondern auch seine Kompetenz war gefragt!

Und Sie haben es erraten: Im zweiten Teil des Seminars war er fügsam und butterweich, hilfreich und konstruktiv. Im Schlussfeedback sagte er sogar, es wäre eines der besten Seminare seines Lebens gewesen.

War das manipulativ von mir? Vielleicht. Aber manchmal braucht es eben kommunikative Tricks, um sich das Leben zu erleichtern.

Was meinen Sie?

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