SIND SIE MR. PERFECT? MEHR LEICHTIGKEIT FÜR PERFEKTIONISTEN

„Schatz, du siehst super aus, jetzt lass uns gehen!“

„Aber meine Haare sitzen noch nicht perfekt.“

Und schon haben Sie den Start von Der König der Löwen – Das Musical in Hamburg verpasst.

Und im Büro das Gleiche, nur in Grün: Lieber noch dreimal die Präsentation durchgehen, um sicher zu sein, dass keine Schreibfehler mehr drin sind. Das Angebot fünfmal überprüfen, bevor es verschickt wird. Die Zahlen nochmals durchrechnen – vorsichtshalber. Und sich besonders viel Zeit nehmen, damit Sie selbst oder Ihre Arbeit perfekt sind.

Na, mittlerweile wissen Sie bestimmt schon, worum es mir hier geht: das Streben nach Vollkommenheit, nach übersteigerter Makellosigkeit, nach absoluter Fehlerfreiheit. Oder kurz: Perfektionismus.

Ich will auf dieser Eigenschaft gar nicht herumreiten. Sollten Sie perfektionistisch veranlagt sein, dann ist das doch wundervoll! Sie liefern immer gründliche Arbeit ab, andere sind voll zufrieden mit Ihnen und Kollegen können sich zu 150 % auf Ihre Ergebnisse verlassen! Glückwunsch!

Aber, ja natürlich habe ich ein Aber: Oftmals steht Ihnen Ihr Perfektionismus auch im Wege. Zum Beispiel in der Partnersuche, wenn Ihnen keine(r) perfekt genug ist. Oder wenn Sie merken, dass Sie wieder länger gearbeitet haben als alle anderen und Ihre Freizeit gar nicht mehr stattfindet. Oder wenn Sie durch den Perfektionismus so unter Zeitdruck geraten, dass die Aufgabe dann unperfekt abgegeben werden muss.

Außerdem ist es sehr anstrengend, immer perfekt sein zu wollen. Alles 150%ig zu machen, kostet Zeit und Energie.

Nur was können Sie tun?
1. Setzen Sie sich realistische Erwartungen. Kein Mensch wird von Ihnen Wunder erwarten. Warum also Sie? Oft reichen bereits 80 Prozent vom Optimum völlig aus, um das Ziel angemessen zu erreichen. Die Gefahr ist sonst, dass Sie wichtige Entscheidungen immer wieder aufschieben, bis alles perfekt vorbereitet ist … und bis dahin ist der der Zug längst abgefahren. Und wenn Sie gar nicht anders können, dann eben 100 % statt 150 %.

2. Rechnen Sie damit, Fehler zu machen. Nullfehlertoleranz können sich allenfalls Götter leisten. Aber die Sterblichen müssen damit leben, dass sie gelegentlich Fehler machen. Mehr noch: Aus Fehlern können Sie oft mehr lernen als aus Erfolgen. Sehen Sie sie also nicht als Feind, sondern als Chance. Ohne Fehler hätte Christoph Kolumbus zum Beispiel nie Amerika entdeckt.

3. Lernen Sie, mit Kritik umzugehen. Es ist ein Irrglaube, dass Perfektion vor Kritik schützt. Selbst wenn Sie glauben, alles richtig gemacht zu haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie die Wünsche des Kunden, Chefs, Partners, Kindes richtig aufgefasst haben – oder die haben sich bereits wieder geändert. Die perfekte Schwarzwälder Kirschtorte gebacken? „Aber Mama, ich wollte doch Linzer Torte!“

4. Behalten Sie das große Ganze im Auge. Perfektionisten verzetteln sich gerne in Details. Diese Detailliebe führt dann zum Tunnelblick, aber nicht zu Ergebnissen. Effekt: Das Projekt dauert länger als es sollte und die Sache wächst Ihnen schließlich über den Kopf.

5. Bitten Sie um Hilfe. Keiner kann alles alleine schaffen. Auch Sie nicht. Das ist aber gar nicht schlimm oder ein Grund, vor Scham im Boden zu versinken. Es ist sogar ein Zeichen von Größe, seine eigenen Schwächen einzugestehen und an jenen Punkten um Hilfe zu bitten. Außerdem: Wenn Sie Ihr Wissen und Können zusammenwerfen, wird Ihr Projekt vielleicht sogar noch perfekter.

6. Analysieren Sie weniger. Sie können Probleme auch überanalysieren – wenn Sie es so wollen eine Form von Detailversessenheit. Oder eine Art von Aufschieberitis: Aus Angst, loslegen zu müssen und dann womöglich Fehler zu machen, wird einfach weiter analysiert und aufgeschoben. So kommen Sie aber niemals zum Abschluss – also ruhig einmal fünf gerade sein lassen.

7. Entspannen Sie sich. Perfektionisten neigen dazu, übermäßigen Druck aufzubauen – gegenüber sich selbst oder ihrer Umwelt. Das macht nicht nur graue Haare, sondern auch unsympathisch! Bevor der Stress überhand nimmt, schenken Sie sich also lieber eine Auszeit. Eine gute Lösung ist auch mal gut genug und die Welt geht nicht unter.

Oder kurz: Perfektionismus und Detailverliebtheit sind gut und schön. Aber nur, wenn Sie sie zu neuen Höchstleistungen anspornen, anstatt Sie auf Ihrem Weg aufzuhalten.

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1 Comment. Leave new

Sehr geehrte Frau Schroeder,
die Beschreibung des Perfektionisten ist Ihnen gut gelungen. Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Im StärkenTraining spricht man von der Übernutzung einer Stärke. Denn Perfektionismus bezeichnet ja eigentlich eine besondere Gabe oder Tugend, die aber zum Extem ausgereizt wird. Sozusagen: „Zuviel des Guten.“ Perfektionismus könnte von den Stärken „Disziplin“, „Analytisch“ oder „Höchstleistung“ herrühren. Übernutzt man seine eigenen Stärken werden sie toxisch und richten sich gegen einen selbst.
Beste Grüße
Carsten Seiffert

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