Nörgeln macht unsexy

Anabel Schroeder

„Man sollte da wirklich was tun!“
„Stimmt, so geht das nicht weiter. Wo kommen wir denn dahin!?“
„Ja, es ist echt nicht mehr zu ertragen!“
„Da sollte man mal was machen.“

Dieser Dialog passt immer, egal ob Sie sich mit anderen über die Ausländer oder alternativ über die Ausländerhasser aufregen, sich über Ihren nach Tilsiter riechenden Schweißfußkollegen oder Ihren Chef auslassen wollen. Denn: Es ist ein typischer Nörgler-Dialog – pauschal und nicht lösungsorientiert.

Seien wir mal ehrlich: Nörgeln macht auch mal Spaß. Nur ändert sich dadurch nichts – außer dass Ihre Stimmung danach mieser ist als vorher. Nörgeln zieht nämlich runter. Selbst dann, wenn Sie eigentlich gar nicht mitnörgeln wollten.
Nörgeln ist ein Spiel, das nur mit mehreren gespielt werden kann. Nach Eric Berne erfüllt es drei Zwecke:

– Sich Anerkennung verschaffen und im Mittelpunkt stehen.
– Zeit totschlagen.
– Sozialer Selektionsprozess – die Rolle in der Gruppe festigen und herausfinden, wer mit wem harmoniert.

Betrachten Sie doch mal das Genörgel über die Unternehmensstrategie, die Ausländer, die Parteien oder über das ätzend lange Meeting vom Morgen. Die drei Punkte treffen auf die Nörgelbeteiligten zu.

Den Nörgler treffen Sie übrigens typischerweise am Stammtisch (Kneipengenörgel), im Flur des Unternehmens (Flurgenörgel) oder auf Partei- und Vereinssitzungen (politisches Genörgel) – immer mit anderen Nörglern zusammen. Er nörgelt, um seinen Frust abzuladen, und wettert über alles, was ihm in den Sinn kommt. Sein Grundsatz: „Ich bin nicht okay, und du auch nicht – also alle sind doof!“

Interessant ist es aber: Meist sind die Nörgler davon gar nicht direkt betroffen oder beeinträchtigt. Und sie haben auch keineswegs die Absicht, etwas an der Situation zu verändern. Denn dann hätten sie – richtig! – nichts mehr zu nörgeln. Wenn alles, über was sich Nörgler so aufregen, gelöst wäre: Was sollten sie tun mit der neu hinzugewonnenen Zeit? Wie das Leben gestalten, wenn es keine Stammtischdiskussionen oder kein mit Protestschildern bewaffnetes Auf-die-Straße gehen mehr gibt? Das Nörgeln wird ist der Lebensinhalt und ohne Nörgelgrundlage herrscht Lebenssinnvakuum.

Was also tun gegen Nörgler?

– Werden Sie bloß nicht zum Erklärbär: Überzeugungsversuche, Erläuterungen und Argumente prallen am Nörgler ab. Denn er will keine Belehrung von Ihnen, sondern seinen Frust auf Sie abladen. Und das schafft er auch.

– Nörgeln Sie nicht mit: Der Nörgler freut sich sonst über Sie als Mitnörgler und fährt dann erst richtig hoch. Sie werden von seiner schlechten Stimmung angesteckt und Zeit haben Sie dabei auch verplempert.

– Zeigen Sie Verständnis und fragen ihn nach konkreten Schritten: Ein Nörgler nörgelt häufig aus einem Gefühl der Angst, der Machtlosigkeit oder der Befürchtung, unfair behandelt zu werden. Zeigen Sie also im ersten Schritt Verständnis und sagen Sie z.B.: „Ich kann verstehen, dass eine Firmenumstrukturierung für dich auch nachteilig sein wird.“ Oder: „Ich kann verstehen, dass dir die Flüchtlingswelle Angst macht.“
Wenn Sie partout kein Verständnis zeigen wollen, dann wiederholen Sie das Gesagte: „Aha, Sie finden also, dass das Unternehmen/die Politik/die Merkel/der Chef versagt hat!“ Das beruhigt ihn schon mal.

– Stellen Sie eine offene Frage und bringen ihn ins nachdenken oder zum Schweigen. „Was hat das mit dir zu tun? Wie betrifft dich das momentan denn genau?“ Oder: „Was kannst du tun, damit das Problem behoben wird?“ Das sind schöne Schach-Matt-Fragen.

Sollten diese Strategien nichts bringen, so kann ich Ihnen nur noch eines raten: Sagen Sie dem Nörgler, dass Sie gerade keine Zeit für dieses Gespräch haben – oder seien Sie gleich ehrlich und sagen ihm, dass Sie nur an konstruktiven Gesprächen Interesse haben.

Viel Erfolg!

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