GELOBT IST NICHT GELOBT GENUG

Anabel Schroeder

Es ist schon erstaunlich! Ein unachtsames Wort, ein falscher Blick – und schon ist Ihr Gegenüber beleidigt. Weil er es persönlich genommen hat.

Letzte Woche saßen in meinem Seminar nun auch wieder Teilnehmer, die sich wegen eines Wortes oder eines Blickes angegriffen fühlten – und dann sogar sauer auf mich waren.

Ich könnte mich jetzt darüber ärgern, aber letztlich habe ich dadurch doch etwas gelernt: Es ist zwingend notwendig, in einem Seminar alle absolut gleich zu behandeln, egal wie sympathisch oder unsympathisch sie Ihnen sind. Das wissen Sie vermutlich schon. Aber mir jedenfalls gelingt es nicht immer.

Beispielsweise gab ich in einem Moderations-Seminar mit acht Teilnehmern am Ende jedem Einzelnen mein Feedback zu dessen Leistung. Eine Teilnehmerin hat das so gut gemacht, dass ich da gar nicht viel zu mäkeln hatte – begeistert gab ich ihr Feedback, Verbesserungsvorschläge hatte ich keine. Sie war einfach spitze gewesen.

Nun denken Sie vielleicht, die anderen hätten sich zurückgesetzt gefühlt? Nein! Weit gefehlt! Zwei Tage später schrieb SIE mir eine Mail, ob ich sie vielleicht nicht mögen würde, weil mein Feedback so kurz ausgefallen war!

Wow! Das hat mich total umgehauen! Ich dachte, sie hätte an meiner Begeisterung gemerkt, wie überzeugt ich von Ihrer Moderation war. Das habe ich dann natürlich mit einer DIN A4 langen Mail wieder gerade gerückt.

Oder hier ein anderes Beispiel: Leider – oder Gott sei Dank – habe ich eine sehr ausgeprägte Gesichtsmimik. Wenn ich dann mal konzentriert schaue, habe ich eine Stirnfalte. Kürzlich kam dann ein Teilnehmer nach dem Seminar zu mir und fragte, ob mein Böse-Gucken etwas mit ihm zu tun hätte. Ich beschwichtigte ihn und erklärte dann Details zur Gesichtsphysiognomie.

Ja, anscheinend lassen sich manche sogar von einem zu kurz geratenen, absolut positiven Feedback oder einem unabsichtlichen, falsch wahrgenommenen Blick verunsichern.

Und ob sie das nun wollen oder nicht: Es ist fast unmöglich, alle gleich zu behandeln. Das ist auch nicht weiter schlimm. Aber wenn sensible Leute im Raum sitzen, die schnell jede Kleinigkeit persönlich nehmen, werden Sie jedes Wort ganz besonders abwägen müssen.

Denn eines ist sicher: Menschen wollen gemocht werden. Und weil gerade ein Seminarleiter oder ein Chef an exponierter Position steht, lobt, tadelt und korrigiert, werden seine Aussagen oder Blicke auf die Goldwaage gelegt. Dann führt jede noch so kleine Abweichung zu einem „ich bin nicht okay“-Feeling – und dann zu Widerstand oder Frust.

Mir ist sogar schon einmal ein Teilnehmer begegnet, der jede Gelegenheit nutzte, um sich darin bestätigt zu fühlen, dass er etwas falsch gemacht hatte. Das war sehr anstrengend!

Nun frage ich Sie: Schaffen Sie es, alle Menschen um Sie herum gleich zu behandeln? Oder wäre es nicht wunderbar, wenn sie eine gewisse Frustrationstoleranz und ein dickeres Fell entwickeln würden?

Apropos Fell: Wenn Sie einen Hund loben und streicheln, erhalten Sie immer ein super Feedback 😉

Es grüßt ganz herzlich
Anabel Schröder

2 Comments. Leave new

Hi Anabel, ich schätze Deine Deine Newsletter sehr,um das einfach mal offen auszusprechen.

Ich kenne Deine Situationen, wenn man Konzentriert schaut, denken Menschen man ist böse, oder das persönliche Probleme mit jemanden eine Rolle spielen. Das hat etwas mit der inneren Land-karte von Personen zu tun und dementsprechend deren Wahrnehmung. Dafür können wir nichts. Wenn Menschen das bekannt vorkommt und sie neugierig sind und wissen möchten, woher das kommt (z.B. als Kind waren wir immer irgendwo unterversorgt mit Aufmerksamkeit), kann die Situation auf Wunsch mit einem Einzelcoaching gesucht und diese Ressourcen „aufgefüllt“ werden.
Das Thema „Denkfalte“ ist auch sehr beliebt.Mein Training ist gerade, aktiv den Zustand der freundlichen Stärke einzunehmen (ich denke gerade an Deine Clown Übung) . Einen Clown ist man niemals böse.
LG

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Anabel Schroeder
9. Oktober 2015 10:10

Danke Nicole :-)

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