DIE ZUQUASSLER

Anabel Schroeder

„Aijaijaji. Ohjeohje!“ So oder ähnlich fangen Gespräche an, die keiner haben will.

Eine Frau kommt ins Zugabteil, abgehetzt mit drei Koffern und sagt „Ohjeohje. Puh, was‘n Stress“. Ich seufze, denn gleich kommt garantiert noch ihre Erläuterung, weshalb sie abgehetzt ist (will ich nicht wissen) und weshalb sie drei Koffer bei sich hat (will ich auch nicht wissen, egal ob ihr Mann sie aus dem Haus geworfen hat, sie nach Amerika auswandert oder zur Kur muss, weil sie eine gaaaanz schlimme Hautkrankheit hat).

Oder ich treffe das Frauchen des Diabetesspürhundes „Lina“ (meist Liiiiiiiiiiinaaaaaaaaaa genannt), wir grüßen uns, Frauchen stellt sich mir dann aber in den Weg, schaut erst mich und dann ihren Hund an und sagt: „Aijaijaij. Gell, Lina, Du hast auch gemerkt, dass es Frauchen letzte Woche gaaaanz schlecht ging?!“ Ich seufze, denn das ist eine klare Aufforderung an mich, doch bitte nachzufragen, wieso sich Frauchen schlecht gefühlt hat. Ich will nicht wissen, was letzte Woche passiert ist und wie viel Unterzucker Frauchen hatte. Oder ob sie eine Erkältung hatte oder Haarausfall oder die Schweinepest. Will ich nicht. Interessiert mich nicht.

Ich bin nicht asozial, ehrlich nicht! Ich möchte einfach nicht über fremde Leute mehr erfahren als es mir gut tut – schließlich lerne ich als Seminarleiterin und Coach jede Woche zahlreiche neue Leute kennen und bin dann mit persönlichen Geschichten, Schicksalen oder Büro-Stories echt gesättigt.

Vielleicht geht es Ihnen ja genauso? Und Sie wollen auch einfach mal Ihre Ruhe haben, im Zug, beim Spazierengehen oder beim Einkauf? Aber Sie wissen nicht genau, wie Sie sich da geschickt aus dem Gespräch ziehen?

Leider bringt es nichts, mit den Augen zu rollen, demonstrativ auf die Uhr zu schauen oder sonstige indirekte Hilfsmittel zu nutzen, um zu signalisieren, dass Sie keine Lust auf vertiefende Gespräche haben. Dagegen sind typische Vollquassler nämlich total immun. Und dann sind Sie einfach nur genervt und stehen möglicherweise knapp vorm Zerplatzen. Es ist nunmal so: Diese Menschen suchen eben einfach ein neues Opfer, einen weiteren Zuhörer – und Sie haben jedes Mal die Wahl, ob Sie sich darauf einlassen oder nicht.

Und wenn Sie sich nicht darauf einlassen möchten, wehren Sie sich gegen den Wortschwall – direkt, aber freundlich. Nutzen Sie dafür die Ich-Botschaft –die ist deutlich, aber wertschätzend.

Mit der Ich-Botschaft sagen Sie: „Ich freue mich, dass Ihr Hund merkt, wie es Ihnen geht, ich muss leider weiter, ich wünsche Ihnen alles Gute“ oder „Bestimmt ist das anstrengend mit drei Koffern, bitte seien Sie mir nicht böse, aber ich brauche etwas Ruhe, um mich auf meinen Text zu konzentrieren“.

Der Mechanismus ist immer der gleiche: Erst Verständnis oder Anerkennung zeigen, dann als Ich-Botschaft das eigene Bedürfnis ansprechen und dazu noch ein bisschen erklären. Je mehr Sie erklären, umso wertschätzender wirken Sie.

Wenn das jedoch nicht funktioniert, können Sie auch ruhig noch ein bisschen direkter werden – aber immer noch in der Ich-Form: „Ich habe leider keine Zeit, ich muss weiter“ oder „Ich bräuchte dringend Ruhe, ich muss noch etwas Wichtiges durcharbeiten/lesen“. Meist reicht das aus, damit das Quasseln aufhört. So werden Sie nicht ungeduldig oder gar aggressiv, sondern können sachlich und freundlich bleiben.

Probieren Sie es aus! Es funktioniert garantiert!

Und wann hat Sie zuletzt jemand vollgequasselt und Sie konnten nicht entkommen? Erzählen Sie doch mal …

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