MEINE MEDIZIN GEGEN CHRONISCHE AUFSCHIEBERITIS

Wer hat sich nicht schon einmal ertappt gefühlt mit …

„Sicher haben Sie übersehen, dass Sie Ihre letzte Bestellung noch nicht bezahlt haben.“

„Ihr Kundenkonto weist seit längerer Zeit ein Minus auf. Bitte zahlen Sie die unten aufgeführten Rechnungsbetrag bis zum …“

„Wenn Sie den unten bezeichneten Rechnungsbetrag nicht umgehend ausgleichen, sehen wir uns gezwungen, den Mahngegenstand an ein Inkassounternehmen zu übergeben.“

Wer die Stufen des Mahnverfahrens aus dem Effeff kennt, für die Steuererklärung jedes Jahr wieder Verlängerung beantragt, Routinebriefe, die Buchhaltung und unangenehme Telefonate immer wieder vertagt, leidet vielleicht an chronischer „Aufschieberitis“ – eine sich schleichend ausbreitende Entzündung des „Ich-mach’s-sofort-Muskels“.

Bei erfolgreichen Menschen lautet die Diagnose: Der Muskel ist vollkommen gesund. Sie packen schwierige und unangenehme Sachen sofort an. Denn sie wissen, dass eine pro-aktive, vorausschauende Haltung die Erfolgsaussichten ihrer Handlungen ganz erheblich erhöht. Sie sichern sich Zeitpuffer für die Erledigung von Aufgaben, um auch bei unvorhergesehenen Hindernissen noch fristgerecht fertig zu werden und haben allgemein Freude daran, zu Erledigendes abzuarbeiten und die Dinge geregelt zu halten.

Natürlich schiebt jeder auch mal Unangenehmes eine Weile auf. Bei Menschen mit Aufschieberitis wird das Vertagen jedoch zur Dauerstrategie. Zu den Symptomen gehört das Gefühl, hilflos den Umständen ausgeliefert zu sein. Das kann soweit gehen, dass die Betroffenen unter Ängsten vor den anstehenden Aufgaben leiden – bis hin zur Panik.

Obwohl sie wissen, welche Vorteile es bringen würde, auch Lästiges schnellstens abzuarbeiten, schieben die an der heimtückisch Krankheit Erkrankten die Aufgaben vor sich hin. Die Blockade, die sie vom Handeln abhält, sitz fest im Kopf: Sie kapitulieren vor der Aufgabe, die als mächtiger Berg vor ihnen zu stehen scheint. Dagegen hilft meistens eine einfache Medizin, die am besten in Tropfenform verabreicht wird. Wenn sie die Aufgabe in viele kleine Etappen zerlegen – sich also gewissermaßen als Tropfen mit der Pipette zuführen – und sich dann darauf konzentrieren, nur die erste Etappe zu meistern, haben sie die anfängliche Blockade überwunden und können den Rest zügig abarbeiten.

Manche Aufschieberitis-Patienten neigen dazu, die drohenden Konsequenzen auszublenden, wenn sie die Sache weiter aufschieben. Ihnen hilft es, sich diese klar vor Augen zu führen und sich bewusst zu machen, wie lang oder kurz die Frist tatsächlich noch ist, bevor diese Konsequenzen unausweichlich werden. Dann verabreichen sie sich den berühmten Holzhammer als heilende und augenöffnende Medizin.

Andere können sich besser positiv motivieren. Ihnen hilft es, sich genau auszumalen, was sie mit der Erledigung der Aufgabe erreichen und wie gut sie sich fühlen werden, wenn sie es geschafft haben. Nennen wir es die „Streicheleinheiten“-Therapie. Diese Menschen sind auch besonders empfänglich für Belohnungen. Wenn Sie zu dieser Gruppe gehören, achten Sie darauf, sich nach der Erledigung der Aufgabe etwas zu gönnen. Ein Stück Kuchen im Lieblingscafé, ein heißes Wellnessbad, eine Runde Sport mit dem besten Freund.

Manchmal sind jedoch nur die „Batterien“ leer. Ah ja, Aufladegerät verlegt oder was? Oder wissen Sie noch gar nicht, was Ihr Ladegerät ist? Dann überlegen Sie doch mal: Vielleicht brauchen Sie ein Regeneration-Wochenende? Einen Spaziergang im botanischen Garten? Oder einen ausgiebigen Saunaabend? Nur Sie wissen, was Ihnen gut tut – gönnen Sie es sich! Sind die Batterien erst wieder voll, ist auch die Energie da, das Anstehende zu erledigen.

Mir selbst hilft es am meisten, eine Sache mit Freunden oder Bekannten zu erledigen. Darum hole ich mir gerne Hilfe. So entstanden auch die sogenannten „Laubpartys“. Viele meiner Nachbarn ticken nämlich wie ich. Als dann unser Vermieter vor einigen Jahren unruhig wurde, weil das Herbstlaub immer noch nicht weggeräumt war, erfand ich kurzerhand die Laubparty, die wir seitdem jedes Jahr feiern. Gemeinsam haben wir die Arbeit jedesmal schnell und gut gelaunt erledigt und die Grillwürstchen schmecken nach getaner Arbeit und in Gesellschaft doppelt so gut.

Für jeden Aufschiebe-Typen gibt es also eine wirksame Medizin. Ob Sie nun die Anti-Aufschub-Tropfen brauchen, den Holzhammer, eine Streicheleinheiten-Therapie, ein Ladegerät oder die Aussicht auf eine After-Work-Party – für Ihr Problem gibt es eine Lösung. Sie können sich also entspannen. Atmen Sie drei Mal tief durch und dann … ran an den Speck!

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